Wie realitätsnah ist der WLTP?

Ein Prüfstandstest unter definierten Randbedingungen ist die einzige Möglichkeit, objektive und reproduzierbare Bedingungen herzustellen, sodass Abgas- und Verbrauchswerte verschiedener Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller miteinander vergleichbar sind. Eine wichtige Zielsetzung ist, dass der Test repräsentativ für ein durchschnittliches Fahrverhalten ist – deshalb wurden vor der Festlegung des ab September 2017 gültigen Testverfahrens WLTP die realen Fahrdaten von Menschen rund um den Globus untersucht. Doch auch ein repräsentativer Prüfstandstest wie WLTP kann nicht alle Faktoren berücksichtigen, die den Kraftstoffverbrauch in der Realität beeinflussen.

Zu den wichtigsten verbrauchserhöhenden Faktoren, die in einem standardisierten Labortest nur eingeschränkt berücksichtigt werden können, gehören neben dem individuellen Fahrstil auch die geografischen Bedingungen der Strecke, die individuelle Beladung, die klimatischen Gegebenheiten, sowie der Energieeinsatz für Nebenverbraucher wie Sitzheizung oder Klimaanlage. Je nachdem, wie feucht und wie warm die Außenluft ist, und je nach Fahrprofil kann die Klimatisierung einen Mehrverbrauch von über einem Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer erzeugen.

In den letzten Jahren haben die auf die Entwicklung von Klimaanlagen spezialisierten Zulieferer Lösungen entwickelt, den Mehrverbrauch zu drosseln, beispielsweise indem automatisch ein gewisser Anteil bereits gekühlter Umluft zugemischt wird. Verbrauchsmessungen nach WLTP werden trotzdem stets bei ausgeschalteter Klimaanlage durchgeführt. Dies ermöglicht einerseits die Vergleichbarkeit von Fahrzeugen unabhängig von ihren Klimatisierungslösungen, anderseits schwankt die Einsatzhäufigkeit der Klimaanlage in gemäßigten Zonen ebenso wie die Lufttemperatur.

Wie realitätsnah ist WLTP

Normverbrauch um etwa 20 Prozent höher

Vom Menschen ebenfalls nicht zu beeinflussen ist die geografische Charakteristik individueller Fahrtstrecken. Nicht nur, dass jedes Fahrzeug, das bergauf fährt, gegen die Schwerkraft kämpfen muss. Wer eine enge Passstraße nutzt, steigert auch durch das notwendige Lenken den Kraftstoffverbrauch. Denn einerseits bauen die Reifen Seitenführungskräfte auf, ohne die das Fahrzeug aus der Kurve getragen würde – das erhöht den Rollwiderstand, und andererseits haben nahezu alle modernen Autos eine Lenkkraftunterstützung. Durch die Entwicklung elektromechanischer Lenkhilfen, die zunehmend die klassische Servolenkungen ersetzen, hat die Automobilindustrie den Kraftstoff-Mehrverbrauch deutlich senken können. Sowohl für Lenkung als auch für die Topografie gilt aber: Bei WLTP werden sie nicht berücksichtigt, denn eine weltweit repräsentative Darstellung auf dem Prüfstand ist nicht möglich, da zum einen Fahrtstrecken persönlich geplant und zum anderen auch mit individuellem Fahrverhalten absolviert werden.

Auch trotz dieser Einschränkungen verringert die Einführung des WLTP die Lücke zwischen dem bislang gesetzlich ermittelten Normverbrauch und dem individuellen Kraftstoffverbrauch vieler Autofahrer. Experten gehen davon aus, dass die bei WLTP gemessenen Normangaben um durchschnittlich 20 Prozent höher liegen als im bisherigen NEFZ. Die bei WLTP ermittelten Verbrauchswerte sind also realistischer, weil zeitgemäßer, wenngleich weiterhin nicht „real“ im Sinne von auf jeden Fahrer individuell übertragbar.