NEUE INNOVATIONSPARTNERSCHAFT ZWISCHEN POLITIK UND INDUSTRIE

Wohin entwickelt sich die deutsche Automobilindustrie? Und welchen Beitrag kann die Branche für mehr Klimaschutz und saubere Luft leisten? Über diese Fragen diskutierte Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, mit dem baden-württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in der Berliner VDA-Zentrale.

Eine schnelle Hardware-Umrüstung zur umgehenden Verbesserung der Schadstoffeffizienz bei Diesel-Antrieben? Winfried Kretschmann zweifelt: „Wenn wir uns anschauen, wie viel Zeit das Bundesverkehrsministerium und das Kraftfahrt-Bundesamt benötigen, um die von den Herstellern entwickelten Software-Updates freizugeben – wie lange sollen dann die Hardware-Nachrüstungen dauern?“ Das Problem, so der grüne Ministerpräsident, liege allerdings nicht in der grundsätzlichen Wandelbarkeit der Branche: „ Die Flotten auf den Straßen erneuern sich. Die Luft wird besser. Das Problem ist nur: Es geht nicht schnell genug.“

Eine Entwicklung, die auch Bernhard Mattes als neuer Präsident des VDA bekräftigte. So sei die Belastung durch Stickoxide in den Städten seit dem Jahr 1990 um etwa 70 Prozent gesunken, betonte der VDA-Präsident in seiner Begrüßung. Gleichzeitig nahm Mattes die Automobilindustrie in die Pflicht: „Keine Frage: Unternehmen unserer Branche haben Fehler gemacht. Diese Fehler aber wurden erkannt und werden jetzt behoben“, richtete er den Blick in die Zukunft. Vor dem Hintergrund des jüngsten Urteils des Bundesverwaltungsgerichtes, künftig auch Diesel-Fahrverbote in Innenstädten zuzulassen, warnte er: „Es droht ein Flickenteppich unterschiedlicher Lösungen in den Kommunen und Städten.“

Audi e-tron und E-Porsche serienmäßig schon in 2018 und 2019

Der geforderte Wandel hat bei der Volkswagen AG indes bereits begonnen, wie VW-Chef Matthias Müller ausführte. So habe der Konzern mit der „Roadmap E“ unlängst die größte Initiative zur Umstrukturierung des Unternehmens gestartet, bei der in den kommenden fünf Jahren rund 34 Milliarden Euro in die Elektrifizierung, neue Mobilität, die Erforschung autonomer Antriebe und die Digitalisierung investiert würden, sagte Müller: „In diesem Jahr startet die Produktion des Audi e-tron quattro in unserem Brüsseler Werk und in Zuffenhausen rollt der erste E-Porsche bereits im nächsten Jahr vom Band.“

Bis ins Jahr 2025 will der Konzern mit allen seinen Marken insgesamt 50 reine E-Fahrzeuge entwickelt haben, zusätzlich zu weiteren 30 Plug-in-Hybriden. „Wenn wir wollen, dass E-Mobilität aus der Nische herausfährt, müssen wir jetzt aber auch über die Rahmenbedingungen sprechen“, so Müller. Auf dem Weg zu einer saubereren Luft sei eine Verkehrswende unvermeidlich. Dazu forderte er auch eine „neue Innovationspartnerschaft zwischen Industrie und Politik.“

 

Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg und „Arena 2036“ vernetzen Wirtschaft und Wissenschaft

Ein Beispiel für eine solche Zusammenarbeit findet sich bereits heute in Baden-Württemberg, wo sich Politik, Wissenschaft und Automobilindustrie seit dem vergangenen Jahr im Rahmen eines Strategiedialogs Automobilwirtschaft BW in engem Austausch befinden. „Es geht darum, die Entwicklung aktiv zu gestalten und über die gesamte Wertschöpfungskette – von der wirtschaftsnahen Forschung über die Produktion bis hin zu After-Sales – zu koordinieren. „Zudem wollen wir verhindern, dass man den aktuellen Trends immer nur hinterherläuft“, skizzierte Winfried Kretschmann das Ziel der Zusammenarbeit. Ein Baustein dieses Prozesses ist die gemeinsam mit dem Bund und Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft gegründete „Arena 2036“, in der Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Start-ups gemeinsam an der Mobilität der Zukunft arbeiten. „Die größte Forschungsfabrik in Europa“, so Kretschmann, sei ein Beispiel dafür, wie auch Wirtschaft und Wissenschaft künftig enger zusammenarbeiten müssten – „und zwar alleine schon deshalb, um mit dem Tempo unserer Mitbewerber mithalten zu können“.

Diese Kultur der Zusammenarbeit will indes auch Müller bei Volkswagen künftig stärker ausbauen. Insbesondere bei der Zusammenarbeit mit IT-Konzernen, deren Geschäftsmodell eher in der Datenverarbeitung als der Mobilität liege, sieht der VW-Chef Chancen für ein produktives Miteinander. „VW war früher ein Unternehmen, das sehr verschlossen war. Das hat sich komplett geändert. Nun ist es so, dass wir sehr gut Autos bauen können – und andere können sehr gut Daten auswerten. Dieses Wissen wollen wir künftig stärker zusammenbringen.“ Auf dem Weg dahin sei das Auto immer mehr auch einem Funktionswandel unterworfen, bei der es nur „ein Puzzleteil einer neuen vernetzten Mobilität sei“, sagte Müller.

Schon heute würde der stetig zunehmende Güterverkehr zu dauerverstopften Autobahnen führen, auf denen sich der Verkehr bis in die Städte zurückstaut, sagte Ministerpräsident Kretschmann. Hier sei eine intelligente Verkehrsführung wie beispielsweise zur Stauvermeidung oder der Parkplatzsuche sinnvoll. Auch stärker aufeinander abgestimmte Verkehrsmittel – vom Rad über den ÖPNV bis zum Auto – seien dabei immer wichtiger. Lösungsansätze, denen auch VW-Chef Müller gegenüber persönlich aufgeschlossen ist: „Ich fahre auch gelegentlich mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Und das ist völlig in Ordnung so.“

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