„Lebensqualität in Städten wird drastisch zunehmen“

Schwarzenbauer im Gespräch

VDA

Peter Schwarzenbauer, als Vorstand bei der BMW Group unter anderem verantwortlich für den Bereich Digital Business Innovation, erläutert im Gespräch mit WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt neue urbane Mobilitätskonzepte. Elektrofahrzeuge hält er langfristig für alternativlos.

Der Gast aus München hatte ein anschauliches Beispiel mitgebracht. Die Freude am Fahren, sagte Peter Schwarzenbauer, als Vorstand unter anderem für Digital Business Innovation der BMW Group verantwortlich, vergehe einem schon mal bei einer Fahrt vom Flughafen Tegel in die Berliner Innenstadt. „Da steht man nur im Stau.“ Den stockenden Verkehrsfluss in Großstädten begreift der Automanager gleichwohl als Herausforderung; es gelte, Mobilitätskonzepte zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse in der Großstadt zugeschnitten seien. Lösungen stellte er im Rahmen der Dialogreihe der Initiative „Mobilität von morgen“ vor. Zu Beginn der Veranstaltung betonte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), dass „Mobilität von morgen“ bereits heute in vielen Städten praktiziert werde. „Es geht darum, den Parkraum, die Verkehrssicherheit und den Verkehrsfluss zu verbessern.“

Die BMW Group deckt wie andere Hersteller auch eine Vielzahl dieser Themen ab, entwickelt beispielsweise Carsharing-Angebote, Apps für die Parkplatzsuche, Schutzsysteme für Fußgänger oder Ampelphasenassistenten. Doch das sind nur Teile eines noch größeren Puzzles. „Wer glaubt, dass er die Verkehrsaufgaben der Zukunft allein bewältigen kann, ist auf dem Irrweg“, sagte Peter Schwarzenbauer. Deshalb hat der Münchner Hersteller Allianzen mit anderen Autobauern geschmiedet: Gemeinsam mit Daimler und Audi hat BMW den Kartendienstanbieter Nokia Here erworben, weil millimetergenaues Navigationsmaterial zum Beispiel künftig entscheidend für automatisiertes Fahren sein wird. Mit Daimler, den Marken des VW-Konzerns und Ford will BMW den Ausbau der Ladestationen für Elektrofahrzeuge an europäischen Autobahnen vorantreiben. „Auf diesen Gebieten haben wir keine Konkurrenzsituation“, erklärte Schwarzenbauer.

Zu neuen Mobilitätskonzepten zählen auch innovative Dienstleistungen für Autofahrer. So kündigte Peter Schwarzenbauer bei der Veranstaltung den neuen Service „BMW CarData“ an. Versicherungen können dem Fahrer z. B. auf Grundlage von Daten aus seinem BMW künftig noch einfacher individualisierte Tarife anbieten, Werkstätten können auf die nächste Inspektion hinweisen. Die dafür benötigten Telematik-Daten werden verschlüsselt über eine fest eingebaute SIM-Karte im Fahrzeug an sichere BMW-Server übertragen.

Die Automobilhersteller befinden sich inmitten eines umfassenden Transformationsprozesses und müssen neue Geschäftsmodelle entwickeln. Schwarzenbauer sprach bewusst überspitzt von einem „Überlebenskampf“ für die deutsche Automobilindustrie. Ihr steht zum einen neue Konkurrenz aus dem Silicon Valley gegenüber, zum anderen werden die OEMs zunehmend durch politische Unwägbarkeiten wie dem bevorstehenden Brexit und der protektionistischen Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump beeinflusst. „Wir stellen nach wie vor Zehn-Jahres-Pläne auf“, sagte Peter Schwarzenbauer, „aber wirklich verlassen können wir uns auf sie nicht mehr in gewohnter Weise.“ Es gehe heute in einem neuen Wettbewerbsfeld vor allem darum, welcher Anbieter flexibler sei, schneller lerne: die Hardwarefirmen, die Software entwickeln, oder die Softwarefirmen, die Hardware herstellen. BMW hat daraus bereits seine Lehren gezogen: Vergangenes Jahr stellte der bayerische Konzern mehr IT-Mitarbeiter ein als Maschinenbauer. Auch die Tech-Unternehmen würden langsam realisieren, sagte Schwarzenbauer, „dass ein Auto ein komplexeres Gebilde ist als ein Smartphone“. Dass die Expertise der Autobauer auch künftig gefragt sein werde, daran gebe es laut Schwarzenbauer keinen Zweifel: „Die Menschen wollen mobil sein und das weltweit.“

Auch das automatisierte Fahren wird bald Realität. Ab 2021, schätzt Schwarzenbauer, werden sukzessive Roboter-Autos auf deutschen Straßen unterwegs ein, erst auf Autobahnen und Schnellstraßen, danach auch in Bereichen von Städten, die für das vollautomatisierte Fahren freigeben werden. Das Szenario bietet laut Schwarzenbauer vor allem im urbanen Umfeld viele Vorteile: „Wir brauchen keine Verkehrsschilder mehr, nicht mehr so viele Parkplätze, der Lärm wird abnehmen, die Sicherheit und die Lebensqualität steigen.“

Untrennbar miteinander verbunden sind für Schwarzenbauer automatisiertes Fahren und strombetriebene Fahrzeuge. „In Städten wird es künftig keine Alternative zur Elektromobilität geben.“ Er sieht BMW bereits in der zweiten Phase dieser Antriebstechnologie, nach Einführung des Elektroautos i3 im Jahr 2013. Die Ladeinfrastruktur und die Reichweite hält Schwarzenbauer für die größten Herausforderungen auf dem Weg zu mehr Akzeptanz. Immerhin kann er auf eine hohe Loyalitätsquote verweisen. Laut einer von BMW in Auftrag gegebenen Umfrage wollen 94 Prozent derer, die einmal elektrisch gefahren sind, auf ein Elektrofahrzeug künftig nicht mehr verzichten.

Noch eine weitere gute Nachricht hielt Schwarzenbauer bereit: In drei bis vier Jahren werden Elektrofahrzeuge eine weit höhere Reichweite erzielen als die heute üblichen rund 200 Kilometer. Technisch sei das heute schon möglich, allerdings nur mit einer riskanteren chemischen Aufbereitung der Batterie. Das kommt für BMW nicht infrage. Peter Schwarzenbauer sagt: „Wir verfolgen bewusst einen konservativen Ansatz und setzen voll auf Sicherheit.“

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