„Elektromobilität ganz oben auf politischer Agenda“

Dr. Kay Lindemann (VDA), Gunnar Herrmann (Ford), Sven Afhüppe (Handelsblatt), Peter Altmaier (CDU), Matthias Wissmann (VDA)

VDA

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) und Gunnar Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ford-Werke, diskutierten über die Zukunft des Verbrennungsmotors und den Stand der Elektromobilität.

Mit großem Engagement entwickeln deutsche Automobilhersteller emissionsfreie Antriebe. Brennstoffzelle, Wasserstoff, Elektrifizierung und klimafreundliche Kraftstoffe – die forscht auf allen Feldern. Die Umstellung auf grüne Technologien geschieht Schritt für Schritt. Die Diskussion im Rahmen der Dialogreihe der Initiative „Mobilität von morgen“ richtete den Fokus auf diese spannende Übergangsphase. Denn Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), prophezeite zur Begrüßung der Veranstaltung, „dass wir alle noch eine lange Wegstrecke mit dem Verbrennungsmotor zurücklegen werden“.

Herkömmliche Aggregate sind besser als ihr Ruf. Die Maßnahmen zur Verringerung des Schadstoffausstoßes bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe fruchten. „Es hat sich, was die Luftreinhaltung betrifft, enorm viel getan“, konstatierte Gunnar Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ford-Werke. „Man kann einen Diesel zu einem sauberen Auto machen.“ Der Selbstzünder werde laut Herrmann eine große Zukunft haben, weil er noch effizienter und mit E-Fuels klimaneutral werden könnte. Dank leistungsstarker Partikelfilter stoßen Diesel-Pkw schon heute so gut wie keinen Feinstaub mehr aus.

Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes, ließ keinen Zweifel daran, dass für ihn die Elektromobilität auf lange Sicht alternativlos ist. „Wenn die deutsche Autowirtschaft keine E-Mobility-Lösung ausrollen wird, wird sie von anderen überrollt werden“, sagte der CDU-Politiker. Das Gespräch machte deutlich, dass es nicht den einen Königsweg geben wird.

Der ehemalige Bundesumweltminister verglich die Wende vom Verbrennungsmotor hin zum Elektroantrieb mit der Transformation in der Leuchtmittelbranche. „Es gibt immer noch Bereiche, in denen die Glühbirne gebraucht wird, aber wir erleben längst den Siegeszug der LEDs.“ So einfach sei es in der Automobilbranche nicht, wandte Ford-Chef Herrmann. Er erläuterte, dass die Abgasreinigung „ein erheblicher Kostenfaktor“ sei, versicherte aber: „Wir haben unseren Ingenieuren die Vorgaben gegeben, alles technisch Mögliche für null Emissionen zu tun.“

Als großes Hemmnis für die Elektromobilität machten beide Entscheider die fehlende Akzeptanz beim Käufer aus – bedingt durch die hohen Preise bei gleichzeitig noch zu geringer Reichweite der E-Fahrzeuge. Ford, das laut Herrmann in den USA die Nummer 1 in Bezug auf den Verkauf von Hybrid-Fahrzeugen ist, wird sich in den kommenden Jahren noch stärker auf die Entwicklung und die Produktion von Plug-in-Hybriden, Pkw wie Nutzfahrzeuge, konzentrieren und sukzessive reine E-Modelle ins Portfolio aufnehmen.

Zusammen mit Plug-in Hybriden erreichen Elektroautos in Deutschland zurzeit einen Anteil von etwa einem Prozent an den Neuzulassungen. Der Staat und die Automobilindustrie finanzieren die Förderprämie mit 3.000 Euro (Plug-in-Hybride) beziehungsweise 4.000 Euro (Fahrzeuge mit Batterie). Altmaier machte deutlich, dass so schnell nicht mit weiteren staatlichen Subventionsmaßnahmen zu rechnen sei. „Jetzt kommt es darauf an, dass die angekündigten neuen Modelle den Markt erreichen“, sagte er.

Gunnar Herrmann betonte, dass die Politik den Herstellern viel zumute. Denn das, wofür es zurzeit für die Kraftstoffversorgung noch die Mineralölkonzerne gebe, sollten bei der Elektromobilität künftig die Autobauer übernehmen: den Aufbau und den Unterhalt der Stromtankstellen. Er wies darauf hin, dass man bereits heute über das bisherige Kerngeschäft deutlich hinausgehe. Man verkaufe schon lange nicht mehr nur Autos, sondern bereite aktuell auch den Aufbau und Unterhalt von Stromtankstellen vor. Im Sommer dieses Jahres wird ein Joint-Venture bestehend aus BMW, Daimler, Volkswagen und seinem Unternehmen den Bau von Schnellladestation entlang deutscher Autobahnen beginnen: „Das ist der erste Baustein für eine flächendeckende Versorgung. Wir wollen einen ganzeinheitlichen Ansatz und müssen dem Kunden zum E-Auto auch die Infrastruktur anbieten. Da investieren wir massiv.“ Einheitliche Standards etwa bei den Steckern zu definieren sei ein weiteres wichtiges Thema. Man habe für Deutschland und Europa mit dem Joint-Venture einen wichtigen Schritt gemacht, Elektromobilität für den Kunden künftig deutlich attraktiver zu machen.

Herrmann erläuterte weiter, dass man sich bereits im intensiven Dialog mit Netzbetreibern und Stromversorgern über Kooperationen befinde. Altmaier bot den Autobauern eine Moderatorenrolle an und kündigte an, die Themen Elektromobilität sowie heimische Batterieforschung und -produktion ganz oben auf die politische Agenda der kommenden Legislaturperiode zu setzen.

Ungeachtet der politischen Entwicklungen werden sich in den kommenden Jahren bei Ford, wie bei anderen Herstellern auch, die Geschäftsmodelle weiter verändern. Das Kölner Unternehmen sieht sich schon lange nicht mehr nur als Automobilhersteller. „Wir wollen uns als ganzheitlicher Mobilitätsdienstleister positionieren“, kündigte Gunnar Herrmann an. Mit der Disruption, die Altmaier von der Automobilbranche einfordert, rennt er bei Herrmann offene Türen ein. Herrmann erklärte: „Wir benötigen eine konsequente und intelligente Vernetzung aller Verkehrsträger“. Und erntete dafür anerkennendes Nicken von Peter Altmaier.

Um den Autostandort Deutschland ist dem Minister bei allen mahnenden Worten nicht bange. Deswegen werde die Automobilbranche auch eine weitere Herausforderung in der Phase der Mobilitätswende meistern: die Sicherung von Arbeitsplätzen. Etwa 800.000 Menschen sind bei Herstellern und Zulieferern in Deutschland beschäftigt. „Wir Deutschen bauen die besten Autos der Welt“, sagte Altmaier. „Das trägt zur Innovationsfreudigkeit bei – und damit auch zum Erhalt und sogar zum Ausbau von Arbeitsplätzen.“

Empfehlungen