„Die Städte brauchen Hilfe“

Dr. Daniel Delhaes (Handelsblatt), Sören Bartol (SPD), Andreas Renschler (Volkswagen Nutzfahrzeuge) and Matthias Wissmann (VDA)

VDA

Andreas Renschler, Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG, verantwortlich für das Geschäftsfeld Nutzfahrzeuge und CEO der Volkswagen Truck & Bus GmbH, und Sören Bartol, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Verkehr, Bau und digitale Infrastruktur sowie Digitale Agenda, diskutierten über Transport und Logistik im Wandel.

Die Herausforderung für seine Branche machte der Spitzenmanager an einem anschaulichen Beispiel fest. „Um einen Porsche zu fahren, muss man viel Geld verdient haben“, sagte Andreas Renschler, Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG , verantwortlich für das Geschäftsfeld Nutzfahrzeuge und CEO der Volkswagen Truck & Bus GmbH. „Ein Lkw muss das Geld erst noch verdienen.“ Volkswagen Truck & Bus und seine Marken stellen diese Hardware zur Verfügung: Nutzfahrzeuge, die sparsam und lange funktionstüchtig sein müssen, damit Spediteure konkurrenzfähig bleiben. Die Aufgaben für Renschler und seine Kunden werden stetig größer. Auch bedingt durch das Aufkommen von E-Commerce steigt der Bedarf an Fahrzeugen laut Renschler um jährlich acht Prozent an.

Dass Transport und Logistik für Deutschland von entscheidender Bedeutung sind, darin bestätigte ihn sein Gesprächspartner im Rahmen der Dialogreihe der Initiative „Mobilität von morgen“, Sören Bartol. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Verkehr, Bau und digitale Infrastruktur sowie Digitale Agenda, mahnte, dass „die Zeit des Beobachtens und Analysierens vorbei“ sei. Angesichts von 95 Prozent mit Diesel betriebenen Nutzfahrzeugen steige der Druck auf die deutsche Nutzfahrzeugindustrie, um die Klimaziele zu erreichen. „Wenn wir jetzt keine Entscheidungen treffen, wird der wirtschaftliche Schaden groß sein“, prophezeite Bartol. Dann nämlich könnten künftig ausländische Unternehmen Mobilitätslösungen präsentieren – auf Kosten von Arbeitsplätzen in Deutschland.

Renschler ließ keinen Zweifel daran, dass sich die Nutzfahrzeugindustrie in einem tiefgreifenden Wandel befinde. Die zu erwartende Explosion des Waren- und Gütertransports stehen einer gesetzlich vorgeschriebenen Schadstoffreduktion der Fahrzeuge gegenüber. Den Wunsch Renschlers, die Politik müsse mit Blick auf die Technologie eine neutrale Position einnehmen, konnte SPD-Vize Bartol zwar nachvollziehen, er gab aber zu bedenken, dass man irgendwann auch Fakten schaffen müsse. „Wenn man etwa einmal den Ausbau von Oberleitungen für Lkw beschlossen hat, kann man das nicht mehr rückgängig machen.“

Während Bartol an die Innovationskraft der deutschen Hersteller appellierte, ließ Matthias Wissmann, der Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie VDA, keinen Zweifel daran, dass die Hersteller dieser Aufgabe gerecht werden können. „Wir sind nicht nur beim Pkw Trendsetter, sondern auch im Nutzfahrzeugbereich“, sagte Wissmann zum Auftakt der Veranstaltung.

An emissionsfreien Antrieben führt für Bartol kein Weg vorbei. „Der Diesel ist eine endliche Technologie.“ Dem hielt Nutzfahrzeug-Experte Renschler entgegen, dass der Selbstzünder in bestimmten Industriebereichen auch in 100 Jahren eingesetzt werden würde, der Verbrennungsmotor per se sei nicht schmutzig. Nur müsse laut Renschler im Durchschnitt ein Stadtbus zehn Jahre fahren und während dieser Zeit die Einhaltung der jeweiligen Emissionsstufe dauerhaft gewährleisten. Dafür brauche man wiederum „Chemiefabriken hinter dem Motor“, und diese „kosten manchmal mehr als der Motor an sich“. Die heutigen Euro-6-Dieselmotoren von Nutzfahrzeugen mit Partikelfiltern und SCR-Technologien seien lauf Renschler sauber.

Der VW-Manager nahm seinerseits die Politik in die Pflicht, zum Beispiel beim Thema Platooning, einer Technologie, bei der mehrere Lkw mit einer Art elektronischer Deichsel mit einander vernetzt dicht hintereinander fahren, so dass bis zu zehn Prozent Kraftstoff gespart werden kann. Hier müssten die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden, den derzeitigen Mindestabstand zwischen zwei Fahrzeugen von 50 Meter auf 10 Meter zu verringern, forderte Renschler.

Renschler wies darauf hin, dass die VW-Nutzfahrzeugsparte ganz ohne Druck durch den Gesetzgeber zu einer CO2-Reduzierung komme, und zwar durch den Wettbewerb um den Kunden. 40 bis 50 Prozent der Kosten beim Betrieb eines Lkw fallen durch Kraftstoffverbrauch an, Speditionen hätten laut Renschler Gewinnmargen von 0,2 manchmal 0,8 Prozent. „Wenn ich denen nicht sagen kann, dass man aufs Jahr gerechnet eine Reduzierung von ein bis zwei Prozent Sprit erreichen kann, bin ich aus dem Business.“ Um Emissionen darüber hinaus im Nutzfahrzeugbereich zu reduzieren, rät der VW-Manager zum Einsatz alternativer Kraftstoffe, zum Beispiel E-Gas. Bei dieser Technologie wird mit Ökostrom per Elektrolyse zunächst Wasserstoff produziert, woraus später synthetisches Methan gewonnen wird.

 

Trotz der unterschiedlichen Anforderungsprofile von Nutzfahrzeugen und den damit verbundenen Antriebskonzepten favorisierten sowohl Renschler als auch Bartol im urbanen Bereich den Einsatz von E-Fahrzeugen. „Die letzte Meile zurückzulegen ist sehr gut durch Elektrotransporter möglich“, sagte Renschler. „Das geht auch beim Müllauto.“ Doch hapert es an den Rahmenbedingungen. SPD-Politiker Bartol will sich dafür einsetzen, die notwendigen Rahmenbedingungen für die „Megatrends“ wie Elektromobilität und vernetzte Moblität schaffen: „Wir müssen dafür die Infrastruktur aufbauen und das sehr schnell.“

Noch bietet keine deutsche Stadt außer Hamburg die Kapazität, eine große Elektrobusflotte gleichzeitig aufzuladen. „Die Städte brauchen Hilfe und Geld“, sagte Renschler, schränkte aber ein: „Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in München oder in Stuttgart ein Kraftwerk zu bauen.

 

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