V2X-Technologie: Sicherer durch die Stadt

Stadtverkehr ist oft komplex und unübersichtlich. Fahrzeuge, die mit der Infrastruktur und anderen Verkehrsteilnehmern vernetzt sind, können viele Unfälle vermeiden. Doch wie genau funktioniert das?

Es sind häufig nur Millisekunden, die darüber entscheiden, ob man rechtzeitig gebremst hat, ob es zu einem Unfall kommt oder nicht. Vor allem im Stadtverkehr ist ständige Aufmerksamkeit gefragt: Autos fahren dicht an dicht, Fußgänger laufen zwischen parkenden Autos hervor, Radfahrer überholen von rechts oder wechseln unverhofft die Spur. Schon bald werden uns intelligent vernetzte Fahrzeuge helfen, in solchen Situationen besser und schneller zu reagieren.

Die V2X-Technologie kann Fahrern nicht nur kostbare Millisekunden schenken, sie kann auch das scheinbar Unsichtbare früher sichtbar machen. Davon werden vor allem die meistverwundbaren Verkehrsteilnehmer in den Städten profitieren: Motorradfahrer, Radfahrer und Fußgänger. Doch wie genau funktioniert die Technologie? „V2X ist ein Sammelbegriff mit vielen Bedeutungen“, sagt Jürgen Kunz, V2X-Experte in der Geschäftseinheit Passive Sicherheit & Sensorik bei Continental. „Allgemein bedeutet es, dass Fahrzeuge kabellos mit anderen Fahrzeugen sowie mit der Infrastruktur und sogar mit schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern Daten austauschen. “

Kunz und seine Kollegen widmen sich vor allem der direkten Fahrzeugkommunikation, der Dedicated Short Range Communication (DSRC). In Europa ist die Technologie als ITS-G5 bekannt. Dabei bauen Fahrzeuge mit der Umgebung vorübergehende Netzwerke auf. Über einen Funkchip können sie so Daten in der WLAN-Frequenz von 5,9 Gigahertz versenden und empfangen. Man kann sich das wie das WLAN zuhause vorstellen: Nur wenn man sich in der Reichweite des Routers befindet, werden Daten übermittelt.

Permanente Kommunikation

Es gibt jedoch einige Unterschiede zum WLAN daheim: Bei der direkten Fahrzeugkommunikation fällt der dazwischengeschaltete Serviceprovider weg. Das hat viele Vorteile: Zum einen ist man nicht vertraglich an einen bestimmten Anbieter gebunden. Zum anderen funktioniert das jeweilige vorübergehende aufgebaute Netzwerk unabhängig von anderen. „Haben Sie schon mal versucht, eine Whatsapp-Nachricht während der Halbzeitpause in einem Stadion zu verschicken?“, fragt Kunz. „Das funktioniert oft nur sehr langsam, weil das Netz überlastet ist.“ So etwas kann bei der direkten Fahrzeugkommunikation nicht passieren.

Ihr wichtigster Vorteil ist jedoch die Geschwindigkeit – ein entscheidender Faktor beim Thema Sicherheit: In brenzligen Situationen müssen Informationen mit so wenig Verzögerung wie möglich ausgetauscht werden. „Mit Hilfe der Technologie können wir mehr Reaktionszeit gewinnen“, sagt Kunz. „Das kann Unfälle verhindern oder zumindest abmildern.“ Ein Beispiel ist die Notbremsung. Fährt man hinter einem LKW, vor dem plötzlich ein Auto stark bremst, warnen einen bislang nur die Bremslichter des LKW. Mit V2X-Kommunikation würde der bremsende PKW die Information direkt an die in der Nähe befindlichen Autos übermitteln und diese so davon Kenntnis erhalten.

Über die direkte Kommunikation können Fahrzeuge viele verschiedene Informationen austauschen. „Zum einen gibt es die obligatorischen Statusdaten, wie Fahrzeugtyp, Geschwindigkeit, Fahrtrichtung und Sensorinformationen“, erläutert Kunz. Zum anderen gibt es die Situationsdaten, wie beispielsweise der Transport von Gefahrengütern, und schließlich noch die optionalen Daten, wie beispielsweise Informationen über die Fahrzeugbesetzung oder geöffnete Türen.“ Weil die Datenpakete relativ klein sind, können diese Informationen permanent untereinander ausgetauscht werden.

Mehr Sicherheit für alle

Welche enormen Vorteile diese Technologie mit sich bringt, hat das Feldforschungsprojekt „simTD“ bewiesen, ein Gemeinschaftsprojekt führender deutscher Autohersteller, Zulieferer, Telekommunikationsfirmen und Forschungseinrichtungen. „SimTD hat gezeigt, dass sich bereits bei einer Installationsrate von fünf Prozent die Fahrsicherheit erheblich verbessert“, sagt Kunz.

Die besondere Stärke von V2X liegt darin, das scheinbar Unsichtbare sichtbar zu machen: Neben der Warnung über Notbremsungen anderer Fahrer können Informationen über nahende Rettungsfahrzeuge übermittelt werden, bevor man diese überhaupt sieht. Wenn man Sirenen hört, weiß man häufig nicht, aus welcher Richtung die Blaulichtfahrzeuge kommen. Dank V2X kann man das künftig erkennen. Der Linksabbiege-Assistent kann die Fahrer an Kreuzungen vor Autos außer Sichtweite warnen. „Die Technologie kann auch für die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Ampeln oder Verkehrsschildern eingesetzt werden“, sagt Kunz. „So kann der Verkehrsfluss dynamisch optimiert werden.“ Das alles wird den Verkehr in unseren Städten sicherer und effizienter machen.

„Man könnte viele Unfälle mit Motorrädern verhindern, wenn man sie sichtbarer machen würde. Von ihnen könnte eine Warnung versendet werden, die sagt ‚Pass auf, ich bin hier‘“ so Kunz. Das gleiche gilt für Fußgänger. „Es gibt dafür verschiedene technische Möglichkeiten, zum Beispiel über Tags, Smartphones oder Kameras.“ Die Fortschritte in diesem Bereich seien groß. „Die Frage, wie man gefährdete Verkehrsteilnehmer am besten erkennen kann, wird eines der heißen Themen der nächsten Zeit sein.“

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