Lastenräder – die Zukunft der letzten Meile?

Der Lieferverkehr in den Städten ist eine Herausforderung – nicht nur in der Weihnachtszeit. Zwischen drohendem Verkehrsinfarkt und dem Kundenwunsch nach pünktlicher Lieferung entwickelt die Branche neue Lösungen für alte Probleme.

Tausende von Kilometern bringen sie hinter sich, scheinbar mühelos, dank logistischer Meisterleistungen. Per Containerschiff, Flugzeug oder Gigaliner überqueren Waren und Produkte Kontinente, Ozeane und Länder. Doch egal, ob von weit oder fern, am Ende der Lieferkette, auf der letzten Meile, warten die größten Hürden. Enge Altstadtgassen, abgelegene Wohnviertel oder volle Fußgängerzonen erschweren die problemlose und zeitige Lieferung in den Innenstädten.

Eine mögliche Lösung? Lastenfahrräder. Was wie ein Ruf aus alten Zeiten wirkt, gibt dank Internet der Dinge, Smartphone und Elektroantrieb ein Versprechen für die Zukunft. Emissionsfrei und flexibel einsetzbar, platzsparend und 25 km/h schnell, finden Lieferungen und Kundenfahrten per Lastenrad pünktlich ihren Weg zum Ziel. Die sogenannten Cargobikes kann jeder nutzen – denn Lastenfahrräder verlangen weder Führerschein noch Versicherung. Auch Automobilhersteller sehen in diesen Rädern viele Vorteile. So ermöglicht BMW seinen Mitarbeitern an den Standorten München und Landshut das Leasing von E-Bikes – zu vergünstigten Konditionen, um den Straßenverkehr um die Werke herum zu entlasten und die Luftqualität zu verbessern.

Schnell und klimaneutral zum Ziel

Auch Volkswagen tritt kräftig in die Pedale. Die Wolfsburger präsentierten auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover ein eigenes Elektro-Lastenrad. Das „VW Cargo e-Bike“ ist als Eigenentwicklung ein Lastenrad mit Automatikgetriebe und Pedelecunterstützung, alles gekoppelt an eine 0,5-Kilowattstunden-Lithium-Ionen-Batterie, die Energie für 100 Kilometer spendet.

Mit einer zweirädrigen Vorderachse, auf der eine Ladefläche, ein Kindercabrio oder auch eine 500 Liter große Transportbox montiert werden können, und einem Ladegewicht von 210 Kilogramm inklusive Fahrer spricht der Konzern gezielt Firmen an, die einen Transport für die letzte Meile zum Kunden benötigen. Dank einer innovativen Neigetechnik bleibt das Transportgut auf dem Fahrrad stets waagerecht, da nur das Rad, nicht aber die Ladefläche in die Schräge geht.

Wovon früher Pizzaboten, die Vorreiter aller Lieferdienste, nur träumten – das machen Volkswagen, BMW und andere Autohersteller wahr. Egal, ob Tischler, Maler oder Einkaufsservice – die Wege zu kleineren Reparaturen, Wartungsarbeiten oder dem Wochenendeinkauf können per „Cargo e-Bike“ schnell und klimaneutral zurückgelegt werden.

VW hat in seinen traditionsreichen Fabrikhallen für Nutzfahrzeuge in Hannover bereits eine Produktionsstätte für das „VW Cargo e-Bike“ eingerichtet. Der Markteintritt ist für 2019 geplant. „Durch das Konzept des Rades stellen wir sicher, dass unsere Kunden lastenstabil und gut zu ihren Zielen im urbanen Raum gelangen“, sagt Projektleiter Thomas Ludewig. Darüber hinaus ist das elektrifizierte Lastenrad äußerst wendig. Mit einer Breite von nur 89 Zentimetern passt es problemlos durch enge Gassen oder Fußgängerzonen. Ballonreifen sorgen für extra Fahrkomfort.

© Rytle

Rytle

Flexibel und vernetzt

Das Rad fast neu erfinden möchte eine Firma aus Bremen. Das Unternehmen Rytle kombiniert E-Lastenräder mit patentierten Ladebox-Systemen sowie städtischen Hubs zu einem vernetzten Gesamtsystem. Geschäftsführer Arne Kruse plant den Einsatz seiner kompakten Lastenräder auf leisen Reifen. „Ein Movr ist viel mehr als ein Lastenrad, er ist ein ganz neues Transportmittel“, sagt der 47-jährige Diplom-Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler, der zusammen mit Ingo Lübs vor drei Jahren das Start-up gründete.

Die weiß-grün gehaltenen Lastenräder verfügen über eine Gasgriff-Anfahrhilfe. Auch ein Modell mit induktiver, also kabelloser, Ladestation gibt es. Aktuell arbeitet Kruse zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt an einem Modell mit Brennstoffzelle. Hochmoderne Technik für ein Lastenrad, das einer Rikscha ähnelt. Doch statt Passagieren lassen sich auf der Rückbank mit wenigen Handgriffen knapp zwei Meter hohe Kleincontainer andocken. Je nach Wunschlieferung werden diese Boxen vorab zusammengestellt und vom Fahrer von den verschiedenen Ladestationen, den Hubs, zum Ziel gebracht.

Das Besondere der drei Komponenten Lastenrad, Container, Hub ist ihre Verbindung durch hochintelligente Software. In Kooperation mit IT-Fachleuten im indischen Bangalore hat Rytle eine „Machine-to-machine-Kommunikation“ entwickelt. Die Hubs wie auch die Container und „Movr“ übermitteln in Kombination mit Smartphones jederzeit Inhalt, Standort und weitere Daten. „Die Technik ist darauf ausgelegt, dass Kuriere mit einer Datenbrille arbeiten können. Sie schauen in die Box, und anhand von QR-Codes wird ihnen angezeigt, welches Paket sie als Nächstes entnehmen müssen“, sagt Arne Kruse. So weiß der Fahrer genau, was er transportiert. Gleichzeitig gibt der „Movr“ permanent Informationen über Zustand, Ort und Nutzungsprofil an das System, was wiederum der Empfänger online verfolgen kann.

Damit finden nicht nur zur Weihnachtszeit Päckchen und Pakete noch schneller ihren Weg zum Kunden. Denn auf der letzten Meile können Lastenräder wie der „Movr“ oder das „VW Cargo e-Bike“ weitgehend auf Straßen verzichten – sie nutzen einfach den Fahrradweg.

 

Headerbild: © Volkswagen

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