Elektromobilität auf zwei Rädern

Sie sind umweltfreundlich, günstig, wendig und brauchen wenig Platz: Elektroroller erobern die Großstädte. Einfach zu mieten wie Autos und Fahrräder, schreiben ihnen Experten eine wichtige Rolle bei der urbanen Mobilität zu.

Auf den Straßen schlängelt sich eine Alternative zum Carsharing durch die Hauptstadt. Die Erweiterung des Mobilitätsangebots ist grau und mintgrün, hat zwei Räder und bewegt sich leise wie eine Raubkatze. Es sind Elektroroller von COUP, einem Berliner eScooter-Sharing-Anbieter.

Den wendigen Gefährten gehört in Metropolen wie Berlin die Zukunft. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI kam in einer Studie zum Schluss, dass spätestens im Jahr 2025 Elektroroller zu einem wichtigen Segment der Elektromobilität und zusammen mit elektrischen Kleinfahrzeugen zum dominierenden Fortbewegungsmittel der urbanen Mobilität werden. „Elektroroller setzen sich im Individualverkehr definitiv durch “, ist auch Alexander Mankowsky, renommierter Zukunftsforscher bei der Daimler AG, überzeugt. „Dort können sie die staugeplagten Metropolen entlasten.“ Der Trend kommt aus Asien, allein in China sind derzeit etwa 200 Millionen Elektroroller im Einsatz.

Die Zweiräder sind wendig, benötigen wenig Platz, was bei der Parkplatzsuche Zeit spart, und haben im Vergleich zu Elektroautos einen weiteren Vorteil: Weil Roller überwiegend auf kurzen Strecken eingesetzt werden, spielt die Frage nach der ausreichenden Reichweite keine Rolle. Die Batterie wird zwischen den Fahrten entnommen und an der Steckdose Zuhause oder wie beim Carsharing zentral in Ladestationen mit Strom versorgt.

Renaissance der Schwalbe, nur elektrisch

Bei COUP muss sich der Kunde um nichts kümmern. Das Laden der Batterien und Warten der eScooter übernimmt der Sharing-Anbieter. So können die eScooter überall, wo es erlaubt ist, im Geschäftsgebiet abgestellt werden –  ein sogenanntes Free-Floating-Modell.

So hat sich Berlin als Testfeld für Elektroroller etabliert. In der Innenstadt gibt es zwei Anbieter. Neben dem Anbieter COUP, der bis Ende des Sommers 1.000 Fahrzeuge in der Flotte haben wird, hat das Start-up Emmy eine 350 Stück große, orangefarbene Rollerflotte auf das Gebiet verteilt. Ein Emmy-Modell ist eine elektrifizierte Version der „Schwalbe“, der Kultroller aus der ehemaligen DDR. COUP setzt dagegen mit seinen Fahrzeugen auf den taiwanesischen Hersteller Gogoro. Die Anforderungen an die E-Roller sind „einfache Bedienung, und eine gute Straßenlage“, sagt Kilian Kreiser, Product Designer bei COUP.

Zulassungsstatistiken für Elektroroller gibt es nicht. Doch dass der gesamte Markt boomt, belegen Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts IHS Global Insight. Demnach wird die Branche bis zum Jahr 2024 schätzungsweise 55 Milliarden US-Dollar umsetzen. 2015 wurden mit E-Rollern 25 Milliarden US-Dollar verdient.

Bosch als größter Automobilzulieferer der Welt setzt mit seiner im August 2016 gegründeten Tochter COUP auf eine andere Strategie als Daimler und BMW, die Carsharing-Angebote betreiben. Das Unternehmen sieht im Engagement auch die Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln und seine Stellung auf dem Gesamtmarkt für Elektrofahrzeuge auszubauen. „Der Markt für E-Scooter weist großes Wachstumspotenzial auf“, sagt Bosch-Sprecher Florian Flaig. Ziel sei es „den kompletten elektrischen Antriebsstrang vom Roller bis zum Lkw“ zu beherrschen.

Mit seinem Engagement in Paris im Sommer 2017 mit 600 Fahrzeugen startet COUP nun auch dort, wo in Europa die meisten Einwohner auf der geringsten Fläche angesiedelt sind. Die eScooter-Sharing-Anbieter sind auch getrieben von der Idee, Themen der sozialen Nachhaltigkeit wie Lärmvermeidung und Platznot in einem urbanen Umfeld zu lösen und eine Alternative für die wachsenden Herausforderungen in der Individualmobilität zu bieten.

Die steigende Beliebtheit der Mietroller erklärt sich schließlich auch aus dem im Vergleich zum Carsharing günstigen Preis. Bei COUP kostet die erste halbe Stunde drei Euro, etwas mehr als ÖPNV-Betreiber für eine Fahrt verlangen. Emmy berechnet pro Minute 19 Cent. Die meisten Nutzer sind zwischen 25 und 40 Jahre alt, 60 bis 70 Prozent sind männlich. Eine durchschnittliche Rollerstrecke ist zwischen fünf und sechs Kilometer lang, die Fahrt dauert 15 bis 20 Minuten. Einen Motorrad-Führerschein braucht man nicht, die Roller haben Versicherungskennzeichen und sind auf eine maximale Geschwindigkeit von 45 Kilometern pro Stunde gedrosselt.

Obwohl eScooter-Sharing in Deutschland ein Saisongeschäft ist, sind sowohl COUP und als auch Emmy zufrieden mit der Anzahl der Fahrten in Berlin, was für einen weiteren Flottenausbau spricht. Zumal auch die Geschäftsgebiete erweiterungsfähig sind und neue Zielgruppen erschlossen werden können. „Sharing muss als Ergänzung zum ÖPNV gedacht werden“, sagt Enrico Howe, Mobilitätsforscher am Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel. „Die berühmte letzte Meile könnte die Domäne des Sharing sein.“

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