Carsharing: Automobilhersteller bieten nicht mehr nur Fahrzeuge, sondern Mobilität für jeden an

In Großstädten sind die Smarts und Minis von car2go und DriveNow zu Symbolen eines veränderten und nachhaltigen Mobilitätsverhaltens geworden. Volkswagen hat sogar ein Projekt in Afrika initiiert.

Parkplatzbuchung statt Parkplatzsuche, Handy-App statt Zündschlüssel, Carsharing statt Kaufvertrag: Die Verkehrsbranche wird sich in den kommenden Jahren grundlegend wandeln, Mobilitätsdienstleistungen gewinnen kontinuierlich größere Bedeutung, Umsätze in Milliardenhöhe werden prognostiziert. Die deutschen Automobilhersteller gestalten den Wandel vom produzierenden Verkäufer zum mobilen Rundum-Dienstleister und treffen mit dem Update des klassischen Prinzips Carsharing den Nerv der Kunden. So haben sich inzwischen mehrere Hersteller in Deutschland mit ihrer speziellen Idee des „Autoteilens“ etabliert.

Kurzer Blick zurück: Daimler bot bereits 2009 eine App an, mit der Kunden in der Stadt parkende Autos orten, buchen und per Zugangscode öffnen konnten, damals ein Novum in Deutschland. Der Stuttgarter Hersteller führte mit car2go das „freefloating“ (also stationsungebundene) Prinzip deutschlandweit ein. Der BMW-Konzern ist inzwischen mit DriveNow ebenso erfolgreich.

Stationsbasiertes Carsharing wird in rund 600 Städten und Gemeinden in Deutschland angeboten. Die Fahrzeuge parken, anders als die Flotten der großen Autohersteller, zu über 90 Prozent auf privaten Flächen. In Innenstädten gibt es oft gar keine Flächen mehr, auf die diese Anbieter ihr Angebot ausweiten können. Mit dem im März 2017 verabschiedeten „Gesetz zur Bevorrechtigung des Carsharing“ wird sich das ändern. Dadurch können für Carsharing-Anbieter an festen Stationen („stationsbasiertes Carsharing“) reservierte Stellplätze im öffentlichen Raum eingerichtet werden. Diese sollen einzelnen Anbietern unternehmensbezogen zugewiesen werden.

Es sind digitale Technologien, welche den Weg zu neuen Geschäftsmodellen ebnen. Sie vereinfachen den Umgang und die Nutzung beim Carsharing und machen die Dienstleistung somit auch für jene attraktiver, die bisher dem Gedanken des Autoteilens skeptisch gegenüberstanden: „Was die technische Seite betrifft, sorgt die unkomplizierte Buchung über Apps und Portale dafür, dass die Hemmschwelle sinkt, sich in ein geliehenes Auto zu setzen“, sagt der Schweizer Zukunftsforscher Lars Thomsen. Zudem lasse sich der herkömmliche Autoschlüssel zunehmend durch Codes, Chips und spezielle Connectivity-Boxen ersetzen, die Abrechnung sei laut Thomsen in der Regel transparent und erfolge automatisch.

Nicht zuletzt haben Facebook und andere soziale Netzwerke das Verhältnis zwischen den Menschen verändert: „Wir teilen so viel Privates mit vermeintlich Fremden, dass die Distanz zwischen den Menschen kleiner wird und die Bereitschaft wächst, auch persönliche materielle Dinge wie das Auto weiterzugeben“, sagt Thomsen.

Die Nachfrage nach Carsharing wächst seit einigen Jahren kontinuierlich. Laut einer Erhebung des Allensbach-Instituts haben im Jahr 2016 rund 730.000 Deutsche Carsharing-Dienste schon mindestens einmal genutzt, 2012 waren es erst 380.000. 8,15 Millionen Bürger gaben an, sich für das Thema Carsharing zu interessieren, vier Jahre zuvor waren es lediglich 6,11 Millionen. Vor allem in Großstädten verzichten etliche Menschen auf einen eigenen Wagen und mieten sich stattdessen ein Auto für kurze Zeit.

Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern ist die deutsche Automobilindustrie erfinderisch. So plant Volkswagen das Carsharing über Apps auch in Ruanda anzubieten. Dazu soll in der Hauptstadt Kigali eine umweltfreundliche, lokale Fahrzeugfertigung errichtet werden, um den Fahrzeugbedarf für das integrierte Mobilitätskonzept zu decken. Es soll eine Variante des VW Polo vom Band laufen, einige hundert bis tausend Stück pro Jahr. Für den Konzern, auf dem deutschen Markt über den Anbieter Greenwheels im Carsharing-Markt präsent, ist das afrikanische Projekt auch ein Testlauf für künftige Mobilitätskonzepte. Ruanda ist mit einem Durchschnittsalter von knapp unter 20 Jahren sehr jung. Die Bevölkerung gilt als technikaffin, und Kigali besitzt eine hervorragende Infrastruktur.

Die Autobranche verändert sich rasant. In einigen Jahren, so sagen es manche Experten, wird niemand mehr am Steuer eines geliehenen Autos sitzen müssen; es fährt selbstständig. „Carsharing und das autonome Fahren sind wichtige Themen, was die Mobilität der Zukunft angeht“, sagt Thomsen. „Und so richtig interessant wird es, wenn man beide Trends zusammenbringt.“ Er ist überzeugt, dass es deshalb früher als gemeinhin angenommen autonom fahrende Shuttle- und Sharing-Flotten geben wird.

Es ist noch nicht klar, wie weit Carsharing in all seinen Facetten die städtische Mobilität verändern wird. Aber eines zeichnet sich jetzt schon ab: Die Akzeptanz von Carsharing wächst – und mit ihr die Zahl der unterschiedlichen Geschäftsmodelle.

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