Wir müssen reden

Ein Blick, ein Nicken, ein Handzeichen: Vieles, was das Miteinander im Straßenverkehr zwischen Menschen ausmacht, wird unmöglich, sobald der andere Verkehrsteilnehmer ein autonom fahrendes Auto ist. Von Leuchtdioden über Lichtprojektionen bis zu Emojis – unterschiedliche Ansätze der Branche verfolgen alle dasselbe Ziel: Das Auto zum Reden zu bringen.

Manchmal merkt man erst, was einem fehlt, wenn es nicht mehr da ist. So dürfte es auch einigen Passanten in der Kölner Innenstadt gegangen sein, als ihnen vor ein paar Wochen ein Auto entgegenkam, das eine Besonderheit hatte: Es fehlte ein Fahrer. Zumindest ein offen erkennbarer, denn der Fahrer des Autos, der dort für einen Videodreh unterwegs war, hatte sich getarnt. Gemeinsam mit der TU Chemnitz erprobten Entwickler des Automobilherstellers Ford, wie Menschen auf scheinbar autonom fahrendeAutos reagieren

Dabei ist Ford nicht allein, die Erforschung des selbstfahrenden Autos steht bei den meisten Automobilherstellern hoch im Kurs. Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Entwicklungen: Autonom fahrende Autos befördern – je nach Stand der Technik – Passagiere, aber keine Fahrer. Das bedeutet, je mehr Entscheidungen das Auto trifft, die vorher Menschen trafen, desto „menschlicher“ muss es werden.

Denn Verkehr ist immer auch eine Form des Miteinanders. Es geht um Handzeichen, Verständigung per Kopfnicken, Gesten und Blicke. Für die Zukunft der Mobilität heißt das, autonom fahrende Autos müssen lernen, die Signale menschlicher Verkehrsteilnehmer richtig zu interpretieren. Andersherum gilt aber auch, dass Menschen wissen müssen, was ein autonom fahrendes Fahrzeug als Nächstes vorhat. Damit diese Kommunikation zwischen Mensch und Maschine funktioniert, müssen die Entwickler der Automobilunternehmen das Auto zum Reden bringen. Wie macht man das?

Kommunikation per Farben

Der Ford-Testwagen setzt dabei auf unterschiedliche Farbsignale. Über Leuchttafeln auf dem Autodach zeigt er, was er als Nächstes vorhat. In einem Film, den Ford über die Aktion ins Netz gestellt hat, ist erkennbar, wie Menschen reagieren: Zunächst kommt der Blick zum Fahrer. Dann folgt Erstaunen, dann bemerken sie die Farbsignale, die der Wagen sendet. Grün für Gehen, rot für Stehen. „Bei den Farbsignalen wären einheitliche Standards für alle Marken sicher mehr als sinnvoll“, sagt Monika Wagener aus dem Ford Forschungszentrum in Aachen.

Kommunikation mit Signalen ist umso besser, je intuitiver sie ist, also die gewohnten Erwartungen aller Verkehrsteilnehmer trifft. Wie sich das konkret umsetzen lässt, dazu gibt es unterschiedliche Ideen: Von Smileys auf dem Autodach über Leuchtdioden im Kühlergrill bis hin zu Projektionen wie beispielsweise Zebrastreifen oder Pfeile für geplante Fahrtrichtungen – auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft sind noch viele Pfade möglich. Denn klar ist: Komplett autonom fahrende Fahrzeuge sind keine Innovation, die schon in den nächsten zwei bis drei Jahren in deutschen Innenstädten alltäglich sein wird.

© 2019 The Ford Motor Company

© 2019 The Ford Motor Company

Irritationen vermeiden

Teilautonome Fahrzeuge der sogenannten Level-2-Kategorie hingegen können schon in wenigen Jahren hierzulande unterwegs sein. Bei diesen Fahrzeugen unterstützen intelligente Fahrsysteme den menschlichen Fahrer; in der Anfangszeit wohl zunächst auf Autobahnen, Pendlerstrecken und anderen Straßen mit verhältnismäßig klar strukturierten Abläufen.

Als „kooperatives Fahrzeug“ bezeichnet Daimler sein Forschungsfahrzeug. Auf dem Weg zu mehr Verständnis im Verkehr setzen auch die Stuttgarter auf Kommunikation per Licht. So kam eine jüngst erstellte Studie zu dem Ergebnis, dass sich andere Verkehrsteilnehmer eine möglichst weitgehende und eindeutige Markierung autonomer Fahrzeuge wünschen, wie eine Unternehmenssprecherin sagt: „Menschen müssen unmittelbar und intuitiv erkennen können, was ein autonomes Fahrzeug vorhat.“ So würden langsam blinkende Leuchten auf dem Autodach signalisieren, dass der Wagen bremst. Schnell blinkende Leuchten hingegen seien ein Anzeichen dafür, dass das Auto in Kürze losfahren würde.

Bis zum Einstieg in die Serienproduktion von fahrerlosen Fahrzeugen müssen sowohl technische als auch gesetzgeberische Hürden übersprungen werden. Eine der größten Herausforderungen dabei ist etwa die Frage, wie man ein autonom fahrendes Auto so programmiert, dass es in bestimmten Situationen genau das tut, was menschliche Fahrer immer wieder im Verkehr machen, weil sie es machen müssen: Verkehrsregeln brechen. Beispielsweise eine durchgezogene Linie zu überfahren, um einem Krankenwagen Platz zu machen. Was auch die Frage aufwirft, wie ein autonom fahrendes Auto in einem solchen Fall seine Umwelt über eben diese Pläne informieren würde. Und natürlich gibt es auch weiterhin eine Herausforderung, die auch die Ford-Entwickler bei ihrer Testfahrt in der Kölner Innenstadt einmal mehr feststellten: „Teilweise ist den Menschen gar nicht aufgefallen, dass unser Testauto keinen erkennbaren Fahrer hatte“, sagt Monika Wagener. „Weil sie gar nicht genau hingeschaut haben, wer außer ihnen auf den Straßen unterwegs ist.“

 

Headerbild: © 2019 Daimler AG

Empfehlungen