Raus aus dem toten Winkel

Assistenzsysteme sind ein erster Schritt zum autonomen Fahren und bieten mehr Sicherheit. In der Lkw-Branche ist das Potenzial besonders hoch – und wird immer stärker genutzt.

Die Dimensionen sind beachtlich: Bis zu vier Meter beträgt die Höhe eines Lkw, knapp 20 Meter die Länge, bis zu 40 Tonnen das Gewicht. Auf dem Weg ins Fahrerhaus müssen einige Stufen erklommen werden. Einmal oben angekommen, kann ein Lkw-Fahrer zwar so weit blicken wie kein anderer Verkehrsteilnehmer. Für den Blick nach unten und zur Seite aber sorgen mehrere Außenspiegel.

Auf dem Weg zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr ruhen viele Erwartungen auf automatisiertem und autonomem Fahren. Die Grundannahme: Technische Errungenschaften können menschliche Schwächen ausgleichen. Je leistungsfähiger die Technik, desto mehr Prozesse des Fahrens lassen sich automatisieren. Entwickler und Forscher unterscheiden in einem fünfstufigen System verschiedene Grade der Automatisierung: von Stufe eins, bei der Assistenzsysteme den Fahrer unterstützen, bis hin zu Stufe fünf, bei der ein komplett automatisiertes Fahrzeug ohne menschlichen Fahrer im Verkehr unterwegs ist.

Während das öffentliche Interesse bei der Automatisierung des Verkehrs in der Vergangenheit zu weiten Teilen auf die Pkw-Branche konzentriert war, zieht der Lkw-Bereich nun nach. Auch wenn in den USA mit dem Freightliner Inspiration Truck von Daimler bereits weite Schritte in Richtung autonomes Fahren beschritten wurden, ist die Lage in Deutschland durchaus anders. Die Frage, wann autonom fahrende Lkws hierzulande der Regelfall auf den Straßen sein werden, ist derzeit eher spekulativ. Von Stufe fünf ist die Branche weit entfernt. Auf dem Weg zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr sind Nutzfahrzeuge auf der zweiten Stufe aber sehr wohl angekommen: Das Potenzial für mehr Sicherheit durch Assistenzsysteme ist hoch. Und der Gesetzgeber nutzt dieses Potenzial mit neuen Vorschriften.

Sicherheit per Gesetz

So sind derzeit mehrere Lkw-Assistenzsysteme Pflicht: Seit dem Jahr 2014 müssen beispielsweise neu zugelassene Nutzfahrzeuge über das elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) verfügen. Dieses greift bei drohender Schleuder- oder Kippgefahr automatisch in Motor- und Bremsmanagement des Fahrzeuges ein. Aber auch der Notbremsassistent (AEBS) sowie das „lane departure warning system“ (LDWS), bei dem per Kamera oder Infrarotsystem die Fahrbahnmarkierungen kontrolliert werden und die Fahrer bei unbeabsichtigtem Verlassen der Spur gewarnt werden, sind verbindlich für Nutzfahrzeuge.

Darüber hinaus hat sich die Branche in den vergangenen Jahren aber viel breiter aufgestellt. Vor allem der städtische Verkehr ist anspruchsvoller geworden, die Anforderungen an die Fahrer steigen stetig. Das gilt auch für den Lkw-Abbiegevorgang in Städten: Wenn hier ein Radfahrer in den toten Winkel einfährt, leuchtet bei Abbiegeassistenzsystemen wie beispielsweise dem „Abbiege-Assistent“ von Daimler in der A-Säule auf der Beifahrerseite eine Lampe gelb auf. Droht ein Zusammenstoß, so verändert sich die Farbe von Gelb in Rot, die Leuchte blinkt in höherer Leuchtkraft, nach zwei Sekunden permanent rot. Zusätzlich ertönt ein Warnton über einen Lautsprecher der Radioanlage. „Diese Warnung lenkt die Aufmerksamkeit des Fahrers intuitiv auf die Situation rechts neben seinem Fahrzeug und eröffnet ihm die Möglichkeit, durch eine Vollbremsung oder ein Lenkmanöver eine Kollision zu vermeiden“, sagt eine Daimler-Unternehmenssprecherin.

Rangierassistenz auf dem Tablet

Auf europäischer Ebene wird die Einführung von Abbiegeassistenten diskutiert. Hierzulande wäre denkbar, die Speditionen über steuerliche Anreize dazu zu bewegen, die schon heute verfügbaren Assistenzsysteme anzuschaffen. „Zukünftig sollte kein Lkw mehr unterwegs sein, der nicht mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet ist“, sagt Bundesverkehrsminister Scheuer (CSU) und kündigte an, die Nutzfahrzeuge der nachgeordneten Behörden seines Hauses dementsprechend auszurüsten.

Fest steht: Ein deutscher Alleingang wäre nicht EU-konform. Fest steht aber auch, dass für Logistikunternehmen auch Reputationsgewinne locken, wenn sie in einer solchen Lage mit eigenen Maßnahmen voranpreschen. So erklärte ein Lebensmitteldiscounter dieser Tage, dass er alle Lkw seiner Flotte bis ins Jahr 2019 mit einem Abbiegeassistenten ausstatten wird. Die technische Entwicklung indes schreitet voran.

So überwachen Assistenzsysteme beispielsweise beim Parken an der Laderampe den Raum hinter dem Lkw und warnen beim Erkennen eines Objektes in einem Abstand von bis zu 20 Zentimetern. Ein denkbarer nächster Schritt wäre dann ein Rangierassistent, durch den ein kompletter Lastzug außerhalb des Fahrerhauses über ein Tablet gesteuert werden kann. Dabei trifft der Fahrer vorher eine Auswahl über Fahrtrichtung und Fahrtziel – und der Fahrassistent führt dann eben die Lenkbewegungen aus, die zum Erreichen dieses Zieles führen.

Es wäre ein großer Schritt aus dem toten Winkel. Und ein großer Schritt hin zu mehr Sicherheit im Verkehr.

Empfehlungen