Mit dem Elektroauto ins Tonstudio

Fahrzeuge mit Elektroantrieb sind im Stadtverkehr kaum zu hören. Ein großer Vorteil mit Blick auf die Reduktion des Verkehrslärms. Der Sicherheit im Straßenverkehr wegen aber auch umstritten. Die Automobilindustrie tüftelt daran, Elektroautos einen angenehmen künstlichen Klang zu geben.

Es ist einer der großen Vorzüge von Elektroautos neben dem abgasfreien Betrieb. E-Fahrzeuge verursachen kaum Lärm. Leise surrend gleiten sie im Stadtverkehr dahin. Bis auf Wind- und Rollgeräusche ab einer Geschwindigkeit von etwa 30 km/h ist vom Fahrzeug kaum etwas zu vernehmen. Für Fußgänger, Radfahrer und Anwohner bedeutet ein niedriger Geräuschpegel auch weniger Stress.

Gleichwohl ist das Brummen der Verbrennungsmotoren auch ein akustisches Warnsignal, das sich über Jahrzehnte hinweg in unseren Köpfen verankert hat. „Der Klang eines Verbrennungsmotors hat sich als Fahrzeuggeräusch etabliert“, sagt Tobias Beitz, Leiter Sound Quality & Sound Design bei der Daimler AG. „Bei Elektrofahrzeugen fehlt dieses klassische Motorgeräusch, das das Herannahen eines Autos signalisiert und auf das andere Verkehrsteilnehmer konditioniert sind.“
Um Elektroautos auch bei niedrigen Geschwindigkeiten für die Umwelt wahrnehmbar zu machen, müssen die Motorgeräusche künstlich erzeugt werden. Sie sollen weder zu laut noch zu leise sein, die Quelle sollte zu verorten und der Ton trotzdem angenehm sein. Als gesetzliche Grundlage für die Soundmischung dient eine Verordnung der Europäischen Union für Elektrofahrzeuge. Sie sieht die verbindliche Einführung eines sogenannten „akustischen Fahrzeugwarnsystems“ (Acoustic Vehicle Alerting System, AVAS) bis Juli 2019 vor. Dann müssen alle Modelle, die komplett neu auf den Markt kommen, mit einem System ausgestattet sein, das gewisse Geräusche zur Wahrnehmung künstlich erzeugt. Zwei Jahre später gilt die Regel auch für alle Modelle, die schon vor dem Stichtag auf dem Markt waren und weiterverkauft werden.
Welchen Klang die Elektroautos genau von sich geben sollen, ist in der Verordnung nicht näher definiert. Es heißt lediglich: „Das Schallzeichen sollte eindeutig auf das Fahrzeugverhalten hinweisen und mit dem Geräusch eines mit Verbrennungsmotor ausgestatteten Fahrzeugs der gleichen Klasse vergleichbar sein.“ Bisher ist das Kunstgeräusch auch nur bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h vorgesehen. Außerdem muss es für europäische Fahrzeuge einen Knopf geben, mit dem der Fahrer das Geräusch vorrübergehend ausschalten kann.

Die Europäer orientieren sich an den Vorgaben der Vereinten Nationen. Das Weltforum zur Harmonisierung der Fahrzeugregulierung der UNECE gibt eine Mindestlautstärke vor. So muss ein Elektrofahrzeug künftig bei einer Geschwindigkeit von 10 km/h ein 50 Dezibel lautes Geräusch erzeugen, bei 20 km/h sind mindestens 56 Dezibel vorgeschrieben. Zum Vergleich: Ein Pkw mit Verbrennungsmotor verursacht beim Vorbeifahren laut der Deutschen Gesellschaft für Akustik einen Durchschnittswert zwischen 70 und 90 Dezibel. Das Elektroauto ist also auch mit Kunstgeräusch noch leiser. Ohne extra eingebauten Sound verursachen langsam fahrende oder stehende E-Autos etwa 35 Dezibel Lärm. „Die gute Eigenschaft, dass ein E-Auto leiser ist, wollen wir in jedem Fall erhalten, weil der niedrigere Geräuschpegel einen positiven Effekt auf den Verkehrslärm in Ballungszentren hat“, sagt Soundexperte Beitz.

Die Herausforderung, die Klangfarbe mittels eines Soundmoduls zu gestalten, haben die Hersteller angenommen. E-Autos soll summen und schnurren. „Der Ton muss harmonisch sein, muss zum Auto passen und darf nicht nach Spielzeug klingen“, sagt Emar Vegt, Sounddesigner bei BMW. Auch deswegen ergibt es für den Niederländer, der Klavier und Schlagzeug spielt, keinen Sinn, Elektrofahrzeugen das Geräusch eines Verbrennungsmotors zu geben. „Ein i3 oder i8 steht für die Zukunft.“ Der künstliche Sound wird bei BMW in einem Lautsprecher erzeugt, der hinter der Frontschürze platziert ist.
„Unser Fokus liegt aber auch auf der Innengeräuschgestaltung. Denn auch der E-Auto-Fahrer will hören, was er tut. Der Sound des Antriebs gehört zum Auto dazu, er ist Information und Emotion. So soll der Fahrer beispielsweise eine Beschleunigung akustisch – durch die Intensivierung des Klangbildes – wahrnehmen können“, sagt Tobias Beitz, wie Kollege Vegt ein Hobbymusiker.

Allein BMW und Mercedes beschäftigen jeweils rund 300 Mitarbeiter, die sich ausschließlich mit Geräuschquellen und angenehmen Schwingungen beschäftigen. Die Firmen haben dazu riesige Tonstudios errichtet. Die Abstimmung des Sounds geht vom passenden Motorengeräusch bis hin zu der Frage, wie das Zuschlagen eines Kofferraumdeckels oder einer Tür klingen soll. Die Abnahme eines angemessenen Sounds ist wie die des Designs Chefsache, die die Konzernchefs persönlich im Tonstudio vornehmen. „Mit Hilfe von Simulationsmodellen, Prüfstand-Optimierungen und auch im direkten Fahrversuch werden die relevanten Fahrzeugkomponenten in ihren akustischen Eigenschaften zu einem abgestimmten Gesamtfahrzeug entwickelt“, sagt Experte Beitz.

Es sind Fragen, die sich in den nächsten Jahren alle Autohersteller stellen müssen. Wie klingt das Auto der Zukunft? Spannend wird zu sehen sein, ob die verschiedenen Marken am Ende tatsächlich unterschiedliche Töne machen werden.

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