„Wir wollen Teil der digitalen Lebenswelt werden“

Die Digitalisierung ergreift die Autobranche – und stellt sie vor neue Herausforderungen. Im Interview erklärt Dieter May, Senior Vice President Digital Services und Business Models bei BMW, wie er das Unternehmen in die digitale Zukunft führen will.

Dank der Digitalisierung können Autos immer mehr Fahrfunktionen übernehmen. Wie wollen Sie die „Freude am Fahren“ in die Zukunft retten?

Digitalisierung bedeutet für uns, das Auto zu einem zentralen Teil der digitalen Lebenswelt unserer Kunden zu machen. Die Menschen verbringen darin viel Zeit, die wir in Zukunft dank des autonomen Fahrens sinnvoller nutzen können. Das Auto wird zum Lebensraum werden, der sehr viele Möglichkeiten für digitale Kundenerlebnisse bietet, die einen Mehrwert für den Kunden haben – die aber auch Spaß machen.

Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Künftig wird es zum Beispiel die Möglichkeit geben, klassische Funktionen eines Fahrzeuges digital freizuschalten. Man wird sich 50 PS dazu buchen können oder die Sitzheizung testen und anschließend über den digitalen Shop im Auto nachkaufen können. Das sind Dinge, die das Auto lebendig und up to date halten. Das Nutzererlebnis soll aber auch über das Fahrzeug hinausgehen. Unsere Vision ist es, dass die Kunden BMW über die verschiedensten digitalen Plattformen hinweg erleben und mit unseren Marken interagieren können, ob das fahrzeugnahe oder mobilitätsbezogene Dienste sind, ob auf dem Mobiltelefon, im Auto oder auf der Smartwatch. Das digitale Erlebnis wird stets dem Kontext entsprechen und personalisiert sein.

Warum ist die Personalisierung in Ihren Augen so wichtig?

Wir wollen das Leben der Kunden einfacher machen. Dank der Digitalisierung haben wir ein ganz neues Kundenverständnis. Das wollen wir nutzen. Sie sollen den Eindruck haben, dass BMW mitdenkt: Wenn ich in das Auto einsteige, werde ich über das Display persönlich angesprochen, das Navi weiß bereits, wo ich hinfahren will. Auch der Innenraum wird sich anpassen. Je mehr wir über den Kunden lernen dürfen, desto zielgerichteter können wir unsere Angebote gestalten.

Wie machen Sie das technisch möglich?

Mit BMW Connect basierend auf unserer Open Mobility Cloud (OMC) haben wir eine intelligente Plattform gebaut, die das gesamte Auto befähigt, mitzulernen. So können wir relevante und spannende digitale Erlebnisse anbieten. Die Plattform ist kundenzentriert, das heißt, in Zukunft wird es möglich sein, personalisierte Einstellungen zu übernehmen,  wenn man das Auto wechselt. Das ist ähnlich wie bei einem Smartphone, bei dem man sein Profil auf andere Geräte übertragen kann. Wenn ich zum Beispiel von meinem eigenen BMW auf ein DriveNow-Fahrzeug umsteige, kennt das Auto meine Sitzeinstellung oder meine bevorzugte Innenraumtemperatur. Egal, ob man das Auto besitzt oder nur vorübergehend nutzt – solange es ein BMW ist, kann man sich darin wie zuhause fühlen.

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Quelle: BMW

Sie wollen stärker in die digitale Lebenswelt der Kunden vordringen, das  wollen auch die großen Technologieunternehmen. Wie gehen Sie mit dieser potenziellen Konkurrenz um?

Wir setzen auf Kooperation. Wir haben zum Beispiel eine Partnerschaft mit Microsoft und arbeiten mit Amazon zusammen. Über den smarten Lautsprecher Amazon Echo werden unsere Kunden ab Ende dieses Jahres ihren BMW von zu Hause aus per Sprache steuern. Gleichzeitig haben wir Zugriff auf eine Vielzahl von exklusiven Fahrzeuginformationen. Die können wir nutzen, um individuellere digitale Erlebnisse zu produzieren.

Inwiefern müssen sich Autobauer verändern, um bei der Digitalisierung nicht abgehängt zu werden?

Das Kernprodukt, das Fahrzeug, wird hoch digitalisiert, dadurch verschiebt sich die Wertschöpfung. Das muss sich auch im Unternehmen, in den Strukturen, in den Prozessen und natürlich auch in den Kompetenzen widerspiegeln. Für BMW heißt das, wir fördern Softwareentwickler und User Experience Designer. Wir bauen unsere Cloud-Expertise auf. Wir passen außerdem die Entwicklungsprozesse an, um wie bei digitalen Produkten üblich schneller, agiler und interaktiv agieren zu können.

Prallen da nicht zwei Welten aufeinander? Bislang haben Sie fertige Produkte an die Kunden geliefert, an denen nicht mehr gerüttelt wurde.

Das ist eine Herausforderung. Wir legen großes Augenmerk darauf, nur qualitativ hochwertige Software an die Kunden auszuliefern. Wir können nichts veröffentlichen, das nicht ausgereift ist. Wir haben nicht nur Reputation zu verlieren. Der Schutz und die Sicherheit des Kunden stehen immer im Vordergrund. Das hat für die BMW Group oberste Priorität und ist die Grundvoraussetzung aller vernetzten Dienste und Funktionen. Daher gibt es bestimmte Absicherungszyklen, die auch für die Software relevant sind. Um trotzdem schnell agieren zu können, klassifizieren wir die Services nach Sicherheitsrelevanz. Doch es stimmt: Künftig werden die Fahrzeuge, die unsere Werke verlassen, sich mit den Kunden weiterentwickeln – und so immer bessere Erlebnisse ermöglichen.

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