Platooning: Hightech-Trucks für die Autobahn

Beim Platooning vernetzen sich Lkw digital miteinander und fahren dicht an dicht teilautomatisiert Kolonne. Der verringerte Kraftstoffverbrauch ist nur einer von vielen Vorteilen.

Auf der A9 zwischen München und Nürnberg gehören sie fast schon zum Alltag: dicht hintereinanderfahrende Lkw, aufgezogen wie an der Perlenschnur. Der Logistikkonzern DB Schenker und der Nutzfahrzeughersteller MAN unterzeichneten kürzlich einen Kooperationsvertrag zur Erprobung des Konvoifahrens im realen Straßenverkehr.

Die Rede ist von Platooning (engl. Kolonne). Platooning im Truck-Bereich meint über das reine Fahren im Konvoi hinaus die digitale Vernetzung der Fahrzeuge miteinander, um im teilautomatisierten Fahrbetrieb einen möglichst geringen Abstand zueinander zu ermöglichen. Von Stoßstange zu Stoßstange sind es weniger als 15 Meter. „Auf diese Weise kann der Windschatten des vorausfahrenden Fahrzeugs voll ausgenutzt werden“, sagt MAN-Sprecher Manuel Hiermeyer. Allein aufgrund des verringerten Luftwiderstands bringt Platooning Einsparungen von bis zu zehn Prozent beim Kraftstoffverbrauch, gleichzeitig wird auch der CO2-Ausstoß entsprechend gesenkt.

Platooning dient der Verkehrssicherheit

Hersteller wie MAN und Daimler prophezeien Platooning eine große Zukunft. Der europäische Automobilverband European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA) initiierte 2016 die bisher größte Veranstaltung einer organisierten Kolonnenfahrt, die European Truck Platooning Challenge. Die Teilnehmerliste an der Sternfahrt nach Rotterdam im Frühjahr 2016 las sich wie das Who-is-Who der Lkw-Branche. Um zu zeigen, was im grenzüberschreitenden Gütertransportwesen alles möglich ist, ließ sich MAN eine Sondergenehmigung für diese Strecke ausstellen, genauso wie Volvo und Scania. Denn eine reguläre Straßenzulassung für teilautomatisiert fahrende Lkw hatte bis auf Daimler, ebenfalls angemeldet, bis dato niemand. Die ersten Erfahrungen im Konvoi waren für die Teilnehmer überwältigend. „Das erste Mal im hinteren Lkw zu fahren und dann die Kontrolle über die 13 Meter davor komplett abzugeben, war ein absolut fantastisches Gefühl“, sagt Stefan Jerg, der als Ingenieur bei MAN Truck & Bus AG die letzten Vorbereitungen für die Sternfahrt traf.

Auch der Verkehrssicherheit dient Platooning – was bei dem verminderten Abstand zwischen den Lkw widersinnig klingt. Doch sobald die Lkw über die so genannten elektronischen Deichseln, ein für die Car-to-Car-Kommunikation entwickeltes spezielles WLAN, aneinandergekoppelt sind, übernimmt die Technik das Fahren der Folgefahrzeuge. Fahrer sitzen weiterhin in den Führerhäusern, sie überwachen das Geschehen aber nur noch. Sie können jederzeit eingreifen und müssen nach aktueller Gesetzeslage die Hände am Lenkrad lassen. „Technisch ist das aber nicht notwendig“, versichert Manuel Hiermeyer.

Den Sicherheitsaspekt unterstreicht auch der Berliner Mobilitätsforscher und Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin, Prof. Andreas Knie: „Den Verkehr automatisiert zu gestalten ist grundsätzlich besser als manuell. Wir müssen uns von der Annahme verabschieden, dass der Mensch alles besser kann. Er kann es nicht, er macht Fehler, er wird müde.“ So sind rund 90 Prozent der Straßenverkehrsunfälle auf menschliche Fehler zurückzuführen.

Drei Mercedes-Benz Actros Highway Pilot Connect fahren in Platoon-Formation

Daimler AG

Transporte werden schneller abgewickelt

Die vernetzten Hightech-Sattelzüge sollen Abhilfe schaffen. Vom Führungsfahrzeug erhalten die nachfolgenden Fahrzeuge Steuerbefehle, derzeit noch von einem menschlichen Fahrer, der Richtung und Tempo vorgibt. Weil die Lkw digital miteinander vernetzt sind, kann zum Beispiel im Falle einer Notbremsung vorne der ganze Konvoi nahezu synchron stoppen. Der intelligente Konvoi ist ein „wichtiger Schritt auf unserem Weg zum unfallfreien Fahren“, sagt Sven Ennerst, Entwicklungschef bei Daimler Trucks.

Auch eine bessere Ausnutzung der Straße verspricht Platooning. Aufgrund des verringerten Abstands der Fahrzeuge zueinander benötigt zum Beispiel ein Platoon aus drei elektronisch aneinander gekoppelten Lkw laut Daimler eine Fahrbahnfläche von 80 Metern – gegenüber 150 Metern, würden sie wie bisher hintereinander herfahren.

Testfahrten unter realen Bedingungen

Die Hersteller argumentieren, dass durch die elektronische Kopplung der Lkw weniger Staus entstünden. Als Voraussetzung für den effizienten Straßengüterverkehr der Zukunft in Europa müssten allerdings die jeweiligen nationalen Gesetze einander angeglichen werden, so dass die teilautomatisierten Kolonnen überall unterwegs sein dürfen. Bei ACEA geht man davon aus, dass 2023 Platoons aus Lkw europaweit unterwegs sein werden, und zwar Konvois, die aus Fahrzeugen verschiedener Hersteller bestehen.

MAN und DB Schenker untersuchen derweil die Fahrbedingungen im alltäglichen Verkehrsfluss; in Versuchsreihen, die über den Betrieb während der Sternfahrt nach Rotterdam hinausgehen. Derzeit fahren die Platoons noch ohne Ladung, doch 2018 sollen die Testfahrten zu Linienfahrten zwischen den DB-Schenker-Logistikzentren in München und Nürnberg unter realen Bedingungen ausgebaut werden.

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