Lieferketten der Zukunft: sauber und sicher

Verschiffung BMW i3 in Bremerhaven 11-2015

BMW

Die Wissenslücken schließen – das ist das Ziel der digitalisierten Logistik. Auf dem Weg dahin müssen mehr Daten als je zuvor erhoben werden. Die Herausforderung dabei: die richtigen Schlüsse zu ziehen.  

Früher funktionierte Logistik im globalen Maßstab so: Ein Händler häuft Waren in seinem Lager an. Ist das Lager gefüllt, macht er sich auf die Suche nach einem Seefahrer, der die Ware transportiert. Ist das Schiff einmal in See gestochen, beginnt das bange Warten. Ob die Ladung die Passage unbeschadet übersteht? Ob die Mannschaft meutert und die Kontrolle über das Schiff übernimmt? Ob das Schiff überhaupt sein Ziel erreicht oder in einem Sturm untergeht?

Was immer auch geschah – das Grundproblem der Logistik war stets dasselbe: eine große Unsicherheit über das, was gerade passierte und was künftig passieren würde. Problem: Aus dem Auge, aber immer im Sinn – und das eher erzwungen als beabsichtigt.

So funktionierte Logistik früher, und an dem grundsätzlichen Problem hat sich über mehrere Jahrtausende nichts geändert: Bis vor wenigen Jahrzehnten noch schickten Spediteure ihre LKWs und Schiffe los und warteten anschließend auf die Nachricht, dass sie wohlbehalten angekommen sind. Und heute? Alles anders, alles vorbei. Miteinander vernetzte Datenträger bieten immer stärker die Möglichkeit, offene Fragen zu klären: Von der idealen Befüllung eines Containers über den Zustand der Ware bis zum Zeitpunkt der Lieferung: Nie wussten Lieferanten und Spediteure mehr als heute.

Lieferkette: Immer länger, immer schwieriger

Und dennoch: Das Zeitalter der Digitalisierung hat in der Logistik gerade erst begonnen. Die Mobilität von morgen hat das Potenzial, Lieferketten sauberer und effizienter zu gestalten. Auf dem Weg dahin müssen allerdings einige Probleme überwunden werden. Grob gesagt: Das Kernproblem jeder Lieferkette, die richtigen Teile zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu haben, wird umso größer, je länger die Kette wird.

Beim Blick auf den Automobilhersteller BMW wird deutlich, in welchen Dimensionen geplant und organisiert werden muss. So bewegen weltweit gut 1.800 Lieferanten an 4.500 Standorten täglich ein Volumen von 84 Millionen Kubikmetern. Bezogen auf den eingangs erwähnten Seefahrer: BMW schickt 7.000 Seefrachtcontainer auf die Reise – und zwar täglich.

Eine derart differenzierte Lieferkette muss dennoch genügend Spielraum bieten, um mit unvorhersehbaren Änderungen umgehen zu können. Für den Automobilhersteller bedeutet das beispielsweise, dass im Notfall jedes erforderliche Teil binnen 24 Stunden jeden Ort auf der Welt erreichen sollte. Es bedeutet weiter eine größtmögliche Flexibilität bei den Bestellungen. Und es bedeutet auch, dass die unterschiedlichen internationalen Dokumentationspflichten jederzeit erfüllt werden müssen. Der Weg dahin führt für viele Unternehmen immer stärker über das Einrichten mehrerer Datenpunkte, die den jeweiligen Projektstand abbilden.

Wie sind Lieferanten und Spediteure miteinander vernetzt und an das Unternehmen angebunden? Welche Risiken sind in der Lieferkette enthalten – und wie lassen sie sich managen? So führte beispielsweise die japanische Tsunami-Katastrophe im Jahr 2011 auch dazu, dass eine Firma für Farbpigmente für einen weltweiten Lieferengpass sorgte. Der Grund: Die Firma wurde durch die Naturkatastrophe schwer beschädigt und lag außerdem nur 40 Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Die Folge: Weltweit suchten Automobilhersteller dringend nach einem Ersatz für den von dieser Firma hergestellten Lack.

Die Daten zum Sprechen bringen

Mittlerweile geht der Trend in der Automobilbranche in die Richtung, mittels untereinander verknüpften Datenquellen die einzelnen Glieder der Lieferkette permanent zu analysieren. Datensammeln alleine jedoch bedeutet noch keinen unternehmerischen Erfolg. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die richtigen Schlüsse aus den Daten zu ziehen. Was auch bedeutet, dass das Volumen an transportierten Gütern künftig durchaus sinken könnte: Beispielswiese dann, wenn Wartung, Service und Reparaturen innerhalb eines Unternehmens mittels Augmented-Reality- und Virtual-Reality-Technologie weltweit verfügbar sind. Langfristig könnte der Logistikbranche so der Sprung gelingen, bei dem Automatisierung und Künstliche Intelligenz eine wesentlich größere Rolle spielen als heutzutage.

Autonom fahrende Schiffe ab 2030?

Die Mobilität der Zukunft verlangt aber auch von Spediteuren und Transportunternehmen große Veränderungen. So hält das Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan beispielsweise autonom fahrende Schiffe für ein ab dem Jahr 2030 durchaus realistisches Szenario. Das wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, an dem die anderen Bestandteile der Logistikkette – von Kränen über Roboter in den Produktionshallen über selbstfahrende Autos und Drohnen für das Fließband – längst schon automatisiert sind.

Und auch die Auftragsvergabe für Frachtgüter steht zur Disposition. So arbeitet der „Taxischreck“ Uber längst an Plattformen, bei denen Güter von den Trucks transportiert werden, die zum erforderlichen Zeitpunkt am besten verfügbar sind. Einen ähnlichen Weg beschreitet die Logistikplattform Freightos, die Transportleistungen im Internet zu transparenten Frachtraten und Preisen handelt.

Der Mechanismus dahinter ist in Zeiten der Digitalisierung immer derselbe: Jeder weiß zu jedem Zeitpunkt, wo seine Ware ist und kann flexibel auf Auftragsspitzen reagieren. Die Unsicherheit früherer Zeiten über Zustand und Ankunftstermin der Ware ist Vergangenheit. Die neue Unsicherheit rührt am ehesten daher, die fragilen Bestandteile der Lieferkette zu erkennen – und durch verbesserte Datenanalysen zu stärken.