Im Hightech-Tal der Superautos

Autonom fahrender Ford Fusion Hybrid

obs/ Ford-Werke GmbH

Ford ist dabei, sich im Silicon Valley neu zu erfinden. Der Autohersteller folgt damit dem Branchentrend.

Als Jim Hackett, seit Mitte 2017 Ford-CEO, zu Beginn der Elektronikmesse CES 2018 das Wort ergreift, hört sich der 62-jährige Manager nicht an wie der Chef des weltweit drittgrößten Autoherstellers, der 2017 mehr als sechs Millionen Einheiten verkauft hat: Er spricht von der Individualmobilität als ein „altes System, das gerade scheitert“, von einem „Modell der Vergangenheit, das nicht mehr haltbar ist“, von Straßen, die sozialer Treffpunkt und Spielplatz für die Kinder waren – bevor das Auto sie eroberte. „Über die Jahre wurden Parks und öffentliche Räume Parkplätzen und Highways geopfert.“

Die Worte Hacketts zeigen, dass sich die Automobilindustrie derzeit im größten Wandel ihrer Geschichte befindet. Neben alternativen Antrieben werden Bits und Bytes immer wichtiger, neue Technologien krempeln das Verkehrssystem komplett um. „Das Parken, der Verkehrsfluss und die Warenlieferung können radikal verbessert werden“, sagt Hackett – mithilfe von künstlicher Intelligenz, vernetzten und automatisierten Autos sowie neuen Mobilitätslösungen auf Basis kollektiver Nutzung.

Gesucht: Anbindung an das Silicon Valley

Bemühungen, diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, gibt es bei vielen Autoherstellern. Alle eint dabei die Herausforderung, Fachkräfte zu finden, die nicht nur Bleche biegen und Motoren entwickeln, sondern dem Auto auch Intelligenz verleihen können, um es mit anderen Fahrzeugen und der Infrastruktur zu vernetzen. Fahren ohne menschlichen Fahrer – das ist eines der wichtigsten Entwicklungsziele. Denn das steigert nicht nur die Effizienz im Transport, sondern macht den Verkehr auch sicherer. Der Grund: Die meisten Unfälle entstehen heute durch menschliches Fehlverhalten. Das kann die Automatisierung ändern, denn eine Maschine wird nicht müde und lässt sich nicht ablenken.

Für die Entwicklung digitaler Technologien suchen viele Automobilunternehmen die Anbindung an das Silicon Valley, um nahe bei den Googles und Apples, den Intels und Ciscos zu sein. Hier haben sie das Ohr an den neuesten Trends und schlagen bei Gelegenheit zu. So kaufte der Stuttgarter Zulieferer Bosch das Start-up Seeo, das Batterien entwickelt. Dass der Zulieferer auch Komponenten für das Google-Auto lieferte, ist bekannt.

2015 eröffnete Ford sein Research and Innovation Center (RIC) in Palo Alto. Mittlerweile ist das Entwicklungszentrum eines der größten im Valley. 160 Forscher, Ingenieure und Wissenschaftler arbeiten dort. RIC-Chef Dave Kaminski betont, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Dutzenden Start-ups und den fünf Eliteuniversitäten in der Nachbarschaft sei, etwa Berkeley oder Stanford. Das RIC rekrutiert dort junge Querdenker, Programmierer und IT-Spezialisten. Gleich zu Anfang kamen rund 80 Prozent der Teammitglieder aus dem boomenden Technologiesektor. Auch Mercedes und BMW sind im Silicon Valley präsent.

20 Jahre Mercedes-Benz im Silicon Valley

Mercedes

Mit Start-ups am selbstfahrenden Auto forschen

Übergeordnetes Entwicklungsziel der Branche ist das automatisiert fahrende Auto. Zuletzt wurde im Herbst 2017 eine Kooperation von Ford mit dem Start-up Autonomic bekannt. Gemeinsam entwickelt werden soll eine Verkehrs-App, die vollautomatisierte Fahrzeuge ohne Fahrer an Bord für Nutzer verfügbar machen soll. Denn ein selbstfahrendes Auto ohne Pedale und Lenkrad auf die Räder zu stellen ist das eine; es zu dirigieren ist das andere. Ford plant Robotertaxis im sogenannten Ride-Hailing, um individuell von A nach B zu kommen, sowie im Ride-Sharing, wenn Fahrgemeinschaften gebildet werden. Das in San Francisco ansässige Ride-Sharing-Unternehmen Lyft sitzt mit im Boot.

Bereits vor über zehn Jahren investierte Ford in Velodyne, einen Entwickler von sogenannten Lidar-Sensoren zur exakten Erfassung des Fahrzeugumfelds. Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) investierte das Unternehmen ebenso wie bei der hochauflösenden 3D-Kartentechnik, die für vollautomatisch fahrende Autos eine Grundvoraussetzung darstellt. 2017 stieg das Unternehmen bei Argo AI ein, einem von ehemaligen Google- und Uber-Managern gegründeten Start-up.

Ford will Führungsrolle übernehmen 

Derzeit betreibt Ford unter den Autoherstellern eine der größten Versuchsflotten automatisierter Fahrzeuge, die das Unternehmen, teils im öffentlichen Verkehr, in Kalifornien, Arizona und Michigan, wo noch viel Zulieferindustrie sitzt, testen darf. Verläuft alles nach Plan, wird das erste Serienprodukt ein Auto ohne Pedale und ohne Lenkrad sein, ein Robotaxi.

Doch eine andere Hürde, die alle Manager kennen, gibt es noch zu nehmen. Regierungen weltweit würden den Weg zwar frei machen für das automatisierte Fahren, sagt Jim Hackett. Doch angesichts des immer schneller voranschreitenden technischen Fortschritts geschehe dies zu langsam. Das tut seiner Zuversicht aber keinen Abbruch: Ford erwägt, seine Technologie für andere Marktteilnehmer zu lizenzieren, sobald sie marktreif ist. Dass Jim Hackett, bevor er CEO wurde, Chef des Research and Innovation Center Palo Alto war, gibt Fords Investition in die Zukunft derzeit offenbar einen Extraschub.

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