Der neue Kraftstoff „e-gas“: Leistung wie Erdgas, grün wie Windkraft

Im Emsland betreibt Audi die weltweit erste industrielle Anlage, in der künstliches Erdgas aus  Ökostrom und Wasser hergestellt wird. Erdgasautos können damit nahezu CO2-neutral fahren. Und die Arbeit läuft: an weiteren erneuerbaren Kraftstoffen für konventionelle Motoren.

Klimaneutraler Kraftstoff aus Biomasse und erneuerbarer Energie, mit dem sportliches und nachhaltiges Fahren mit hoher Reichweite möglich ist – das klingt nach Utopie. Audi zeigt jedoch mit seinen Partnern, dass es geht: Das „e-gas“-Projekt nutzt dafür die „Power to Gas“-Technologie, die erstmals in größerem Maßstab eine Speicherung regenerativer Energien über das Erdgasnetz ermöglicht.

In der Pilotanlage im Emsland wird dazu Kohlendioxid aus einer mit Abfällen betriebenen Biogasanlage genutzt. Mit Ökostrom wird Wasser in Sauer- und Wasserstoff gespalten. Aus dem CO2 und dem regenerativ erzeugten Wasserstoff entsteht Methan und somit e-gas. „Das ist chemisch und physikalisch identisch mit normalem Erdgas“, sagt Tobias Block, einer der Entwickler von Audi.

Grüne Erdgastechnologie mit großem Potenzial

Eine Innovation mit echten Vorteilen. Erstens: e-gas ist nahezu klimaneutral – die Menge CO2, die das Fahren mit diesem Kraftstoff freisetzt, wurde zuvor bei der Kraftstoffproduktion gebunden. Alle Umwandlungsverluste bereits eingerechnet, sinkt der CO2-Ausstoß gegenüber fossilem Benzin damit um 80 Prozent. Zweitens: die Anlage stabilisiert das Stromnetz und nutzt überschüssigen Ökostrom, etwa bei viel Wind. So wird die Energie, die sonst ungenutzt bliebe, umgewandelt und im Erdgasnetz gespeichert. Drittens: In Deutschland gibt es bereits mehr als 100.000 Erdgasautos und über 900 Erdgastankstellen, an denen e-gas getankt werden kann.

Audi bietet das e-gas derzeit für sein Erdgasmodell „A3 Sportback g-tron“ an, das bereits 2014 erfolgreich in den Markt eingeführt wurde. Tankt ein Kunde mit der speziellen „e-gas-Karte“ in Deutschland, wird dieselbe Menge an e-gas ins Netz eingespeist. Somit ist sichergestellt, dass der Fahrer stets nahezu CO2-neutral unterwegs ist.

Quelle: Audi

Quelle: Audi

Noch ist das Projekt nicht wirtschaftlich. „Aber wenn wir warten, bis jeder Kunde als nächstes oder übernächstes Auto einen Elektro- oder Wasserstoffantrieb kauft, dauert die Energiewende im Verkehrssektor zu lange, um die Klimaziele zu erreichen“, sagt Entwickler Block. „Wir benötigen auch Lösungen, die schon heute umsetzbar sind, mit bestehender Technik und Infrastruktur.“

Viele Länder seien schon weiter: In Italien etwa fahren zehnmal so viele Erdgasautos wie in Deutschland. Und in der Schweiz läuft ein parlamentarisches Verfahren, CO2-neutrale Kraftstoffe wie e-gas zukünftig bei der Berechnung von Emissionen entlastend zu berücksichtigen. Eine weitere Herausforderung: Für den Strom in der e-gas-Anlage fallen dieselben Steuern und Abgaben an wie für Hausstrom. „Dabei wandeln wir überschüssige Energie in einen erneuerbaren Kraftstoff um – hier fehlen wirtschaftliche Anreize für chemische Energiespeicher“, so Block.

Die Erforschung weiterer „erneuerbarer Kraftstoffe“ läuft

Die Mobilität von morgen wird einen Mix aus unterschiedlichen Technologien erfordern. Audi will alle seine tron-Antriebe (Elektro, Erdgas, Brennstoffzelle) in Zukunft mit grüner Energie versorgen. Seit 2012 gibt es eine Kooperation mit einem amerikanischen Start-up, das mithilfe von Mikroorganismen und Sonnenlicht Brackwasser in synthetischen Diesel umwandelt. Auch in einer Anlage in Dresden hat das Unternehmen bereits synthetischen Diesel auf CO2-Basis erzeugt: „Wir haben den Audi A8 der Forschungsministerin mit dem e-diesel betankt“, sagt Tobias Block. Auch flüssige, synthetische Kraftstoffe könnten schnell eine größere Rolle spielen, sagt der Entwickler. Allerdings wäre auch hier eine Anpassung der politischen Rahmenbedingungen notwendig, um die Verbreitung alternativer Kraftstoffe zu beschleunigen und zu begünstigen.

Audi sieht sich als Treiber bei diesen „grünen Kraftstoffen“, sucht weiter weltweit nach Start-ups für Kooperationen und arbeitet mit anderen Technologie-Unternehmen und Energieversorgern zusammen. Das Ziel der „e-fuels“-Strategie: 80 Prozent weniger CO2-Emissionen im Verkehr – mit Kraftstoffen für Motoren, die bereits gebaut sind. Transportiert durch Leitungen, die bereits verlegt sind.

Zurzeit wächst die Zahl der Power-to-Gas-Projekte im Land– auch dank der ehrgeizigen Projekte der Automobilindustrie. Sein e-gas will Audi bald auch für zwei neue „g-tron“-Modelle anbieten, den A4 Avant und den A5 Sportback – und es langfristig in allen Ländern Europas vertreiben. Das Projekt soll die Energiewende weiter voranbringen und zeigen: Strom aus erneuerbaren Energiequellen lässt sich als „grünes Gas“ speichern und transportieren.

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